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"Die Macht der Kränkung"; Reinhard Haller

"Nahezu jedem menschlichen Problem liegt eine Kränkung zugrunde. Denn Kränkungen greifen unsere Selbstachtung, unser Ehrgefühl und unsere Werte an. Sie treffen uns im Innersten, können uns aus der Bahn werfen, uns krank machen und sogar zu den grausamsten Verbrechen und Kriegen führen.

 

Anhand ausgewählter Beispiele aus der Historie und der Praxis veranschaulicht der Arzt und Psychotherapeut, welche Macht Kränkungen über uns ausüben können, und wie es gelingen kann, an seelischen Verletzungen nicht nur zu wachsen, sondern auch die eigene Persönlichkeit zu stärken."

 

Text auf der Buchrückseite.

 

Die Macht der Kränkung; Reinhard Haller, einer der renommiertesten Gerichtspsychiater Europas:

Gleich am Anfang möchte ich zum letzten Kapitel des Buches kommen:

 

"Entmachtung von Kränkungen"

 

Der Beginn ist das Erkennen von Kränkungen.

Das ist häufig sehr schwierig.

Viele Kränkungen sitzen sehr tief, machen sprachlos, werden tabuisiert, man schämt sich darüber zu sprechen, man möchte seine Verletzlichkeit niemandem anvertrauen, möglichst verbergen, möglichst keine Schwäche zugeben.

 

Manchmal ist es schwer selbst zu den Wurzeln der Kränkung vorzudringen.

Mitunter sind hier fachliche Beratungen und psychotherapeutische Maßnahmen erforderlich.

 

Häufig ist aber eine eigene Sensibilisierung für das Kränkungsthema - wodurch wurde ich gekränkt und wen könnte ich gekränkt haben? erforderlich und ausreichend.

 

8 Schritte als Möglichkeit der Selbsthilfe:

  1. Lufthoheit über das Kränkungsgeschehen übernehmen
  2. Transparenz schaffen: Ansprechen
  3. Kränkungsbotschaft analysieren
  4. In die Haut des Kränkenden schlüpfen
  5. Eigene Kränkungsmuster reflektieren und durchbrechen
  6. Loslassen
  7. Perspektivenwechsel
  8. Verzeihen

1) Nur eine einzige Person kann entscheiden, was überhaupt kränken kann und als Kränkung erlebt wird: ICH!

Die bösartigste Beleidigung und die hinterhältigste Entwertung verliert ihre Kraft, wenn man sich ein Stück distanziert, relativiert, neutralisiert oder versucht keine Bedeutung beizumessen.

 

2) Kränkungen verlaufen oft unbemerkt ab, nicht selten ist es dem Kränkungsabsender gar nicht bewusst.

Ansprechen, konfrontieren, nicht verdrängen und tabuisieren.

Leider ist die häufigste Reaktion das gekränkte Schweigen.

 

3) Nüchterne Analyse der Kränkungsbotschaft: Jede Kränkung enthält, so ungerecht sie auch sein mag, ein Stück Wahrheit. 

Versuchen wir mit Neugierde zu erkennen, was der Absender damit bewirken möchte.

Bewahren wir einen nüchternen klaren Blick: Vielleicht erkennen wir eine Schwachstelle/einen sensiblen Punkt an uns und können daraus wachsen, oder auch einen Einblick auf die Persönlichkeit des Gegenübers. 

Oft gelingt das Distanzieren besser, indem man die Kränkung aufschreibt oder einen inneren Dialog führt.

 

4) Versuchen sich mit dem "Feind" zu "identifizieren". Verstehen, sich hineinfühlen, emphatisch sein. Dadurch findet man Zugang zu den möglichen Beweggründen einer Kränkung..

Was hat zu der Kränkung bewogen? War sie bewusst? War sie an mich gerichtet? Welche Probleme sind im Hintergrund? Was will er/sie mir sagen? Was will er/sie erreichen?

 

5) Seine eigenen Kränkungsreaktionen durchbrechen:

Meist reagieren wir mit Schweigen, Zorn, Wut oder Rachegefühlen.

Humor ist ein wirksames Mittel gegen Kränkungen, erfordert aber Übung und eine gewisse Schlagfertigkeit.

Ironie und Fröhlichkeit entschärfen manch bösartiges Wort.

 

6) Kränkungen reißen alte Wunden auf, stellen vieles infrage, Selbstzweifel und Schuldgefühle können aufkommen.

Wichtig ist es sie aufzuarbeiten, offene Wunden verschließen und neu orientieren.

So lange man sich nicht von Verletzungen der Vergangenheit befreien kann, ist man nicht offen für Neues.

Das Allerwichtigste ist, den durch Kränkungen angegriffenen Selbstwert zu stabilisieren, nicht mit Eigenlob sparen.

 

7) "Wir können nicht die Geschichte umschreiben, sehr wohl aber unsere Bewertungen modifizieren."

Aus zeitlicher Distanz können aus Niederschlägen Erfahrungen, aus Katastrophen Abenteuer, aus Kränkungen Späße werden.

Aus örtlicher Distanz: Reisen und neue Eindrücken können vieles relativieren.

Emotionaler Perspektivenwechsel: Erarbeitung von Gelassenheit, nicht zu verwechseln mit Gleichgültigkeit.

 

8) Vergebung und Verzeihung ist die schwierigste, aber auch reifste und edelste Form des Umgangs mit einer Kränkung.

"Verzeihen ist die schwerste Liebe"; Albert Schweitzer, Arzt, Theologe, Kulturphilosoph und Friedensnobelpreisträger 1952.

"Verzeihen ist keine Narrheit, nur ein Narr kann nicht verzeihen." Chinesisches Sprichwort.

"Vergib dem Kränkenden, nichts kränkt ihn mehr." nach Oscar Wilde.

 

Quelle:

Die Macht der Kränkung; Reinhard Haller.

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Waltraud (Dienstag, 20 Juni 2023 15:01)

    Jede tiefe Kränkung ist ein Signal unseres Gehirns, dass eine Grenze überschritten wurde. Doch jeder Mensch hat seine eigene Geschichte, seinen eigenen Charakter. Es gibt also keine fixe Grenze. Einer fühlt sich rasch gekränkt, zieht sich zurück. Andere wiederum schaffe es die unangenehmen Emotionen zu verarbeiten. Dazu gehört unter anderem ein starkes Selbstbewusstsein und die Fähigkeit sich in andere Menschen hinein zu versetzen, das Verhalten zu verstehen. Und die Fähigkeit zu verzeihen. Verzeihen bedeutet auch sich selbst etwas Gutes zu tun : Es befreit unsere Seelen von negativen Gefühlen und Enttäuschungen .